Ralph Gehrke

Verspielt
Roman


Osnabrück: edition das andere buch, 2002
ISBN 3-936231-56-7

Pb, 345 S.,  EUR  16,90

Der Roman erzählt von einem jungen Mann namens Roland, der bereits in frühester Jugend vom Fußballfieber gepackt wird. Der Leser verfolgt dessen Weg durch bewegte Jugendjahre in der Seestadt Bremerhaven, begleitet ihn auf seinen aberwitzigen Reisen zu großen Spielen und wird Zeuge, wie sich die rasant verändernden Verhältnisse gegen ihn wenden. Als er sich jedoch nach einer rastlosen Suche am Ende meint, kommt plötzlich alles ganz anders...
Mit der Hauptfigur trifft man auf einen modernen "Helden" im Getümmel einer sich stetig verändernden Gegenwart, in der Scheitern zur festen Kalkulationsgröße wird und Erfolge sich als brüchig erweisen. Die
Bremer Brücke in Osnabrück wird zu einem Glücksrefugium, in dem Roland das irrwitzige Auf und Ab zwischen Arbeitsamt und Hochschule für die Länge eines Spiels vergessen kann.
Leben als
Gratwanderung, Absturz (Abstieg) jederzeit möglich - Ironie und Humor leiten den distanzierten Blick des Erzählens in dieser Geschichte, in dem mehr Frauen als Männer bedeutende Rollen spielen.


...."Tatsächlich war Fiona - Zufall oder nicht - plötzlich mittwochs in ihren stramm gezogenen Leggins auf dem schmalen oberen Tribünenrang der Sporthalle aufgetaucht und hatte ihre mit zartblauem Trikotstoff umspannten, billardkugelrunden Brüste über das Geländer geschoben, Lidschatten fein abgestimmt auf den Schimmer der Sportgarderobe. Betont teilnahmslos hatte sie dem Ballspiel zwischen Staff und Students zugeschaut. Sonst war nichts gewesen. Nicht einmal zur kleinsten Andeutung eines grüßenden Zeichens war es zwischen dem deutschen Lektor und seiner englischen Studentin gekommen.

Natürlich war sie nicht seinetwegen gekommen, oder etwa...? Vielleicht war die anonyme Valentine-Card, die er gleich nach Erhalt und heimlicher Lektüre im Büro vernichtet hatte, gar von ihrer Hand? Quatsch! Aber wer mochte dann der Auserkorene sein? Argwöhnisch hatte Roland das Aufgebot der jungen Hüpfer gemustert, die seinem Staff-Team eine Klatsche nach der anderen verpassten. Er vermochte keinen eindeutig zuzuordnen.

Ohne es sich eingestehen zu wollen, hatte sich Roland zusätzlich mächtig ins Zeug gelegt vor der schönen Zuschauerin, als würde sie ihn unablässig von ihrer erhöhten Warte antreiben. Aber der austrainierte Nachwuchs aus den Departments, wo richtige Männer handfeste Wissenschaft betrieben, ließ ihn und Trevor in ihren roten United-Shirts mit dem Sharp-Aufdruck älter aussehen, als sie waren. Schon nach zwei Spielchen war ihm der Schweiß in Rinnsalen unter dem vollsynthetischen Trikot gelaufen. Die Haare klebten fettsträhnig an der Stirn. Keuchend in die Beuge gezwungen, hatte er die Hände auf die sich wattig anfühlenden Oberschenkel gestützt. In unbeobachtet geglaubten Momenten hatte der abgekämpfte Freizeitkicker verstohlene Blicke hinauf zur Galerie geworfen. Was mochte das junge Blut über ihn denken, wie er da so wackelig stand? Mit seinem fleischfarbenen Knieschoner hatte er sich wie ein Invalide im Rehabilitationstraining gefühlt. Nach zwei Terminen hatte sie genug gesehen von der schlappen Vorstellung. Tauchte jedenfalls nie wieder auf. Seitdem hatte er das Gefühl, dass er besser spielen würde, wie von einem Druck befreit. Plötzlich konnte sein Seniorenteam sogar gewinnen. Trevor und Roland hatten sich triumphierend abgeklatscht.

Na also, wer sagt´s denn. Alte Schule, nichts verlernt, tönten sie vor der englischen Jugend.

Deren Revanche gestaltete sich torreich."


Ralph Gehrke, Dr. phil., selbständig, lebt mit Frau und Sohn in Fürstenau bei Osnabrück. Lehrtätigkeiten an Schule und Hochschule im In- und Ausland.
Veröffentlichungen bisher in verschiedenen Fachzeitschriften, Magazinen und überregionalen Tageszeitungen.